Symposium
„Religionskritik in Philosophie und Literatur seit der Aufklärung

(Johannes Gutenberg-Universität Mainz, 19./20. März 2007)

 

Die öffentliche Auseinandersetzung über die Wurzeln des Islamismus, über die Frage, ob wir uns schon mitten in einem Kampf der Kulturen befinden, nicht zuletzt die Wortmeldungen, die ihn von europäisch-aufgeklärter Seite aus schon führen, haben zumindest einen erstaunlichen Ertrag gezeitigt: Es gilt offenbar als Selbstverständlichkeit, dass moderne Gesellschaften eine grundsätzliche Kritik religiösen Glaubens benötigen und dass die europäischen Gesellschaften diese Notwendigkeit bereits realisieren. Diese Gewissheit beruft sich auf eine Tradition der kritischen Auseinandersetzung mit der Religion, deren Quellen mit dem Stichwort „Aufklärung“ im 18. Jahrhundert verortet werden, und auf die praktizierte Trennung von Staat und Kirche, die in Deutschland im 19. Jahrhundert unter dem Etikett „Kulturkampf“ im Zuge der Reichsgründung durchgeführt wurde. Die staatsrechtliche Einrichtung, viel mehr aber noch die kulturelle Tradition werden in diesem Diskurs als Besitzstand betrachtet, der Forderungen nach Anpassung begründet. Diese Betrachtungsweise darf angezweifelt werden. Die Tradition der kritischen Auseinandersetzung mit dem religiösen Glauben, die sich aus einer Vielzahl von theoretischen Entwürfen und Gegenentwürfen, von Kontroversen und satirischen Polemiken gebildet hat, ist im öffentlichen Bewusstsein keineswegs präsent. Wie weit die historische Berufungsinstanz in Wirklichkeit aus dem aktuellen Wissen gerückt ist, wird gerade an manchen Stellungnahmen in Talkshows, aber auch an mancher gedruckten Polemik deutlich.

Um es vorsichtig zu formulieren: Der weite Abstand zur Geschichte der kritischen Auseinandersetzung mit dem religiösen Glauben tut der heutigen Debatte nicht gut. Wenn ausgeführte philosophische Begründungszusammenhänge, wenn Erzählungen oder lyrische Texte, die vielfältigen Einsichten anregen, nicht mehr durch die theoretische oder ästhetische ‚Beweisführung’ gelten, die sie selber produzieren; wenn Jahrhunderte lange Bemühung um begründete Einsicht zu einer fraglos anzuerkennenden Berufungsinstanz werden, dann treten Unterwerfungsansprüche an die Stelle des Kampfs um Einsicht. Und umgekehrt: Die Vermutung ist nicht verwegen, dass die Erinnerung an Debatten aus zwei vergangenen Jahrhunderten zeigen kann, wie in vor langer Zeit stattgehabten, aber keineswegs obsoleten Auseinandersetzungen um den religiösen Glauben verständiger wahrgenommen, umsichtiger argumentiert und besser begründet werden kann.

Das philosophisch-literaturwissenschaftliche Symposium verfolgt das Ziel, mit dieser Erinnerung an die – wie man sieht keineswegs obsolete – Tradition der Auseinandersetzungen über Geltung und Funktion religiösen Glaubens in der Philosophie wie in der Literatur einen Anfang zu machen. Die Aufmerksamkeit gilt den Leistungen der im philosophischen Denken wie literarischen Darstellen artikulierten Kritik an der Religion, die im deutschsprachigen und europäischen Raum von den Zeiten der Aufklärung bis ins 20. Jahrhundert vorgebracht wurde. Die historischen Schwerpunkte liegen im 18. und 19. Jahrhundert, wo im Kontext von Aufklärung und Kulturkampf die folgenreichsten Stellungnahmen zum theologisch-dogmatisch formulierten Glauben wie zur praktizierten Religiosität entstanden. Autoren des 20. Jahrhunderts werden berücksichtigt, sofern sie neue Aspekte in den Diskurs einbrachten. Die Sittenkritik am Klerus soll ebenso angesprochen werden wie die theoretische Kritik an den dogmatischen Inhalten des religiösen Glaubens, die Zurückweisung des kirchlich-klerikalen Gestaltungsanspruchs für das private wie das soziale Leben soll ebenso berücksichtigt werden wie die funktionalistische Anerkennung gläubiger Haltungen bei Relativierung der ideellen Gehalte und bildhaften Vorstellungen bzw. ihrer Verbindlichkeit. Wenigstens ansatzweise soll zusammengestellt werden, wofür die Kritiker an religiösem Glauben und von ihm geleiteter sozialer Praxis sich einsetzten: vielleicht für eine moralisch unanfechtbare Repräsentanz des Glaubens durch tadellose Priester bzw. eine wahrhaft gläubige Gemeinde, d.h. für eine wie auch immer bessere Religion, oder aber für die vollständige Trennung von Staat und Kirche, für die Eigenverantwortung des Subjekts oder die politische Emanzipation.

 

Ansprechpartner

Dr. Carsten Jakobi (mail)

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Spies (mail)

 

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