Arbeits.schritte


Das hier beschriebene Vorhaben soll dieses Vorgehen auf weitere für Rechtstexte charakteristische Merkmale ausdehnen. Entscheidend ist hier vor allem die Untersuchung weiterer grammatisch-stilistischer Parameter der ersten, scheinbar am verständlichsten, Reformulierung. Zudem soll aufgrund der Erfahrungen aus den beiden Pilotstudien die Bandbreite der verwendeten psycholinguistischen Methoden erweitert werden, um genauere und aussagekräftigere Ergebnisse zu erzielen. Mithilfe von Blickbewegungsstudien werden Einflüsse, die ein veränderter Komplexitätsgrad auf bspw. die Lesegeschwindigkeit hat, gezielter analysiert. Aufgrund der Effekte der experimentellen Variation auf bestimmte abhängige Variablen (Fixationszeiten, Regressionspfade) können Rückschlüsse auf die (Art der) Komplexität von Satz- und Textstrukturen gezogen werden. Entscheidend für die Anwendbarkeit der Ergebnisse in der Praxis ist vor allem die juristische Überprüfung der verständnisoptimierten Varianten, welche in dem geplanten Projekt in Kooperation mit einem ausgebildeten Juristen erfolgen soll.
Im Einzelnen sind folgende Schritte geplant:

Die erste Studie wird auf dem schon untersuchten Korpus der oben beschriebenen Pilotstudie (Hansen et. al 2006) basieren. Über die drei in der Pilotstudie beschriebenen Phänomene hinaus, sollen bei einer erneuten Reformulierung weitere graduelle Aspekte der Rechtssprache, wie beispielsweise die Art der vorkommenden Nebensätze, implizite Derivationen, Attribuierungen, etc. berücksichtigt werden. Um diese qualitativ und quantitativ zu erfassen, ist eine Erweiterung des Korpus um weitere Gerichtsentscheidungen und Pressemitteilungen nötig (Quelle: Website des Bundesverfassungsgerichts: www.bundesverfassungsgericht.de). Die Zeitungsberichte liegen im oben beschriebenen umfassenden Tiger-Korpus vor. Für diese korpuslinguistische Auswertung besteht eine Kooperation mit dem Fachbereich 06/Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft der Universität Germersheim (Ansprechpartner: Frau Prof. Dr. Silvia Hansen-Schirra). Durch vorangestellte Normierungsstudien werden sowohl die sprachliche Akzeptabilität, sowie der von ExpertInnen beurteilte juristische Gehalt der verwendeten Konstruktionen und Texte kontrolliert. Als erstmals kombiniertes Testverfahren in der Verständlichkeitsforschung von Rechtstexten kommt in der Hauptstudie die Methode der Blickbewegungsaufzeichnung zum Einsatz. Leseprozesse können durch die Aufzeichnung von Blickbewegungen und den damit verbundenen Maßen deutlich genauer und differenzierter analysiert werden, als es in der Pilotstudie möglich war. Zudem erlaubt diese Methode das vergleichsweise natürliche Lesen der Texte, ohne eine möglicherweise interferierende Zweitaufgabe (Tastendrücken). Im Anschluss an die Blickbewegungsmessung soll ein Test zur Behaltensleistung der Versuchsteilnehmer durchgeführt werden, in dem explizit nach bestimmten Propositionen der zuvor präsentierten Texte gefragt wird. Falsche Aussagen können bspw. über falsche Kausalverknüpfungen von Propositionen hergestellt werden. Insbesondere sind dabei die Zusammenhänge, die sich mit den abhängigen Maßen der Blickbewegungsmessung ergeben, von Interesse.

Wie bereits in den beiden Pilotstudien erprobt, werden die Probanden in zwei Gruppen unterteilt: Eine Gruppe von JuristInnen (ExpertInnen) sowie eine zweite Gruppe von Nicht-JuristInnen (Laien). In der Pilotstudie wurden nur 9 JuristInnen im Gegensatz zu 36 Laien untersucht. Aufgrund der geringen Anzahl und hohen Varianz bei der Verständlichkeitsmessung der JuristInnen konnten keine signifikanten Ergebnisse gefunden werden. Deshalb soll in dem beantragten Projekt die ExpertInnengruppe vergrößert werden.

Die Ergebnisse sollen als Ausgangspunkt für das Folgeprojekt dienen, das bis zum Ende der Projektlaufzeit zu beantragen ist.

Im angestrebten Forschungsprojekt werden gleichermaßen Grundlagen- und Anwendungs-bezogene Fragen bearbeitet. Fachsprachensprezifische Texte stellen einen überaus interessanten Testfall kognitionswissenschaftlicher Textverstehenstheorien dar, da sie eine Parametrisierung und Gewichtung allgemeinpsychologischer (insbes. Arbeitsgedächtnis) und sprachkultureller Variablen bei der Vorhersage von Textkomplexität und Verständlichkeit erlauben. Der Zusammenhang zwischen Online- (Eyetracking) und Offline-Daten (Verstehens- und Behaltenstests) wird dabei von größtem Interesse sein.

Eindeutig anwendungsbezogen ist das Ziel, explizite Richtlinien zur Optimierung von Texten zu formulieren. Hierbei steht insbesondere die fachsprachenabhängige Optimierung im Vordergrund, die die Erfordernisse der jeweiligen Zielgruppe mit in die Reformulierung einbezieht. Ausdrücklich sollen die Forschungsergebnisse auch auf andere Textsorten verallgemeinert werden, wobei insbesondere wissenschaftliche Texte verschiedenster Fachrichtungen von Interesse sein werden. Als weitergehendes Ziel wird ins Auge gefasst Algorithmen zu formulieren, mit denen Texte hinsichtlich ihrer Verständlich- und Erinnerbarkeit optimiert werden können. Auch hier stehen Parameter, die sich aus der jeweiligen fachsprachlichen Zielgruppe ergeben, im Vordergrund.

Im beantragten Zeitraum von einem Jahr soll ein erstes Blickbewegungsexperiment geplant und durchgeführt werden. Dazu wird es nötig sein, große Mengen von juristischen Texten zu sichten und hinsichtlich ihrer Verwendbarkeit in der Studie zu bewerten. Parallel werden Kriterien der Verständlichkeitsoptimierung erarbeitet, so dass im zweiten Schritt optimierte Reformulierungen der ausgewählten Texte vorgenommen werden können. Mit diesen, zusammen mit den Originaltexten, wird im dritten Schritt das Leseexperiment durchgeführt.

Zur Materialsichtung und -erstellung, sowie zur Planung und Durchführung des Experiments und Auswertung der Daten beantragen wir jeweils eine studentische Hilfskraft (insges. zwei). Eine Hilfskraft sollte einen sprachwissenschaftlich, korpuslinguistischen Hintergrund haben, die andere einen psychologisch empirischen. Für die Erhebung der Blickbewegungsdaten werden vorhandene Geräte verwendet. Ein EyeLink II (head mounted, SR Research) ist in der Abteilung Kognitionswissenschaft des Instituts für Informatik und Gesellschaft vorhanden. Ein für Lesestudien hervorragend geeigneter EyeLink 1000 (desktop mounted) wird zum Beginn des Projekts ebenfalls dort verfügbar sein.

Parallel wird von den AntragstellerInnen ein DFG-Antrag (voraussichtlicher Umfang: eine Promotionsstelle, stud. Hilfskräfte und Versuchsmittel) ausgearbeitet. Dieser soll über den hier beantragen Rahmen hinaus weitere erziehungswissenschaftlich relevante Variablen, wie z.B. Lernmotivation und Selbstwirksamkeit, einbeziehen, um deren Interaktion mit den Variablen Anspruchsniveau und Textsorte zu untersuchen, und die Variable Zielgruppe differenzierter zu fassen.