Pilot.Studien


In zwei Pilotstudien konnte bereits gezeigt werden, dass die Identifikation textsortenspezifischer Merkmale zur Identifikation grammatischer Verständnishindernisse beitragen kann.

Pilot.Studie 1

In der ersten Studie (vgl. Neumann/Hansen-Schirra 2004) wurde am Beispiel des Konjunktivs in Gerichtsurteilen gezeigt, wie ein grammatisches Merkmal zunächst mit korpuslinguistischen Methoden als Textsortenmerkmal etabliert werden und in der Folge mit psycholinguistischen Methoden, hier mittels eines Akzeptabilitätstest, auf seine Auswirkungen auf die Verständlichkeit hin überprüft werden kann.

Pilot.Studie 2

Die zweite Studie (vgl. Hansen et al. 2006) basiert auf einer Vorgehensweise, die über die Untersuchung von Origi­naltexten hinausgeht. Die in einer korpuslinguistischen Analyse als Verständlichkeitshinder­nisse identifizierten Strukturen wurden variiert, um dann die Auswirkung auf die Verständ­lichkeit mit psycholinguistischen Methoden zu überprüfen. Die Arbeit erfolgte in drei metho­dischen Schritten: Im ersten Schritt wurden Gerichtsentscheidungen, Pressemitteilungen und Zeitungsberichte zu den Entscheidungen korpuslinguistisch ausgewertet. Die Pressemitteilungen stellten dabei eine intralinguale Übersetzung der fachlichen Urteilstexte für den Laien dar. Schließlich wurde mit dem aus Zeitungstexten bestehenden Tiger-Korpus (vgl. Brants et al. 2003) noch ein weiteres textsortenkontrolliertes Korpus einbezogen. Die Korpora wurden auf drei Aspekte der Rechtssprache untersucht: (1) die Struktur der Einbettungstiefen von Sätzen, (2) jene von Phrasen und (3) das Aufkommen von Nominalisierungen durch explizite Derivationen. Da davon auszugehen ist, dass die Realisierung syntaktischer Strukturen in den Zeitungsberichten stark am Verstehen des Laien orientiert ist, dienten diese als Richtwert für Reformulierungen der Rechtstexte. Im zweiten Schritt wurden ausge­hend von Originalsätzen aus den Urteilen bei gleich bleibendem juristischem Gehalt zwei reformulierte Versionen gebildet. Die erste Reformulierung orientierte sich an den Realisie­rungen der Zeitungsberichte, während die zweite Reformulierung auf eine maximale Verein­fachung der syntaktischen Struktur abzielte. Die verschiedenen Versionen wurden dann im dritten Schritt mithilfe eines psycholinguistischen Experiments (hier: self-paced reading) hinsichtlich ihrer Verarbeitungskomplexität verglichen. In der Auswertung wurden neben Lesezeiten auch die korrekte Beantwortung von Verständnisfragen und die Dauer bis zur Beantwortung berücksichtigt. Im Experiment schnitt die erste Reformulierung, welche sich an den Zeitungstexten orientierte, am besten ab. Daraus konnten erste Schlüsse für eine systematische Veränderung von Gerichtsent­scheidungen mit dem Ziel einer verbesserten Verständlichkeit gezogen werden.