Wie kann man.Verständlichkeit messen?


Ausgehend von der Beschreibung grammatischer Besonderheiten juristischer Texte soll das Kontinuum fachsprachlicher und allgemeinsprachlicher Texte korpusbasiert sowie experimentell auf Vertändlichkeit hin untersucht werden.
Ziel ist im ersten Schritt die Optimierung der Verständlichkeit juristischer Fachtexte (Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts) für Nicht-JuristInnen. Im Weiteren sollen weitere fachsprachliche Textsorten (bspw. Wissenschaftstexte) auf ihre Optimierungsfähigkeit hin überprüft werden. Im Folgenden sei ein Beispiel aus dem Korpus der Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts angeführt:

Paragraph 1626 BGB ist mit Artikel 6 Grundgesetz insoweit nicht vereinbar, als eine Übergangsregelung fehlt, die eine gerichtliche Einzelfallprüfung, ob das Wohl des Kindes einer gemeinsamen elterlichen Sorge der nicht miteinander verheirateten Eltern entgegensteht, für die Fälle vorsieht, in denen die Eltern mit dem Kind zusammengelebt, sich aber noch vor In-Kraft-Treten des Kindschaftsrechtsreformgesetzes am 1. Juli 1998 getrennt haben.

Eine verständlichere Reformulierung dieser Entscheidung könnte wie folgt aussehen:

Paragraph 1626 BGB ist mit Artikel 6 Grundgesetz insoweit nicht vereinbar, als eine Übergangsregelung fehlt. Diese müsste eine gerichtliche Einzelfallprüfung für die Fälle vorsehen, in denen die Eltern mit dem Kind zusammengelebt haben, sich aber vor dem Inkrafttreten des Kindschaftsrechtsreformgesetzes am 1. Juli 1998 getrennt haben. In diesem Fall wäre zu prüfen, ob das Wohl des Kindes einer gemeinsamen elterlichen Sorge der nicht miteinander verheirateten Eltern entgegensteht.

In der reformulierten Version wurde der Satz zunächst in drei Einzelsätze geteilt. Um eine dreifache Einbettungstiefe zu vermeiden, wurde außerdem der Attributsatz, eingeleitet mit der Konjunktion ob, in einen Objektsatz umgewandelt und an das Ende der Passage gestellt.
Diese Reformulierung scheint für den Laien verständlicher zu sein. Aber wie kann man Verständlichkeit messen, und welche fachsprachlichen, aber auch allgemeinsprachlichen Charakteristika sind reformulierungsrelevant?
Mit u. a. diesen Fragestellungen soll sich das hier beschriebene Forschungsprojekt beschäftigen. Zu diesem Zweck wird eine interdisziplinäre Methodenkombination zum Einsatz kommen, wie sie u.a. auch von Schnotz (2006) gefordert wird: Ausgangspunkt sind korpuslinguistische Methoden, anhand derer fachsprachenspezifische Textmerkmale herausgearbeitet wurden. Ausgehend von diesen spezifischen Charakteristika von fachsprachlichen Texten können prototypische Texte (also jene, die am besten mit den typischen Merkmalen übereinstimmen) ausgewählt werden. Diese werden einer genauen Analyse unterzogen, die auf etablierten kognitionspsychologischen Theorien des Textverstehens beruht. Hier werden insbesondere das Construction-Integration-Modell (Kintsch 1988, 1998) und das Structure Building Framework (Gernsbacher 1990) Ausgangspunkte der Analyse bilden. Die theoretische Analyse der prototypischen Texte wird zu einer fundierten Ableitung der theoretischen und statistischen Hypothesen führen, deren Formulierung die experimentelle Variation des Materials (also die Erstellung der einfacheren Textvarianten) leiten wird. Diese Variationen werden von einem/einer juristisch ausgebildeten MitarbeiterIn (studentische/wissenschaftliche Hilfskraft) hinsichtlich ihrer Korrekt- und Exaktheit überprüft. Die so ausgewählten und systematisch modifizierten Texte werden schließlich in Lesestudien mit Blickbewegungsaufzeichnung hinsichtlich ihrer Verarbeitbarkeit und Verständlichkeit untersucht. Dabei werden neben den Blickbewegungsvariablen beim Lesen zudem die kurz- und langfristige Verstehens- und Behaltensleistung erhoben und miteinander in Beziehung gesetzt.